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Glücklicher Gärtner oder überforderter Hochschulabsolvent?

Interview mit Professor Remo Largo, Vater dreier Töchter und Autor des Bestsellers «Babyjahre», arbeitete und forschte 30 Jahre lang als Kinderarzt am Kinderspital Zürich. Heute lebt der 64-Jährige im Ruhestand in Gommiswald.

Herr Largo, ist Erziehen heute anspruchsvoller als früher?
Ja, weil die Eltern gewissermassen im Alleingang erziehen müssen. Früher gab es andere Bezugspersonen, die die Kinder mitbetreut und miterzogen haben.

Anforderungen und Leistungsdruck im Berufsleben werden oft als progressiv empfunden. Auch die ausserberuflichen Terminpläne verdichten sich ständig. Können Eltern ihren erzieherischen Pflichten noch gerecht werden?
Viele Eltern sind nicht mehr in der Lage, die Betreuung ausreichend zu leisten. Die Eltern sind nicht nur alleingelassen, ihre berufliche Belastung hat auch noch zugenommen. 75% der Mütter schulpflichtiger Kinder sind berufstätig, 40% dieser Kinder sind ausserhalb der Schule nicht betreut.

Wird Erziehung zu stark an die Schule delegiert? Wird die Schule zum Ersatzelternhaus?
Es ist unvermeidlich, dass sich die Schule vermehrt engagieren muss. Die Schule leistet daher zwangsläufig einen wesentlichen Beitrag an die Sozialisierung der Kinder.

Ist dies eher als Auf- oder als Abwertung der Schule zu verstehen?
Ich betrachte dies als eine Aufwertung der Schule. Betreuung in der Schule verbessert auch den Unterricht, weil die Beziehungen zwischen den Kindern und Lehrpersonen tragfähiger werden.

Wo und wie soll die Schule bei Problemen in der Familie aktiv werden?
Wenn die Eltern überfordert sind. Die Möglichkeiten der Schule sind jedoch beschränkt. Zudem: Es sind vor allem auch Überforderungen im Vorschulalter, die sich auf die Schule negativ auswirken.

Welches sind die Mankos unserer heutigen Volksschule?
Unsere Volksschule ist gut. Sie muss aber noch besser werden: Individualisierung des Unterrichts, bessere Betreuung und Sozialisierung als Aufgabe.

Welche Vorteile entstehen durch die Integration von Kindern aus Sonderklassen in die Regelklassen?
Wenn Integration gelingt, eine bessere soziale Integration und individualisierte Förderung.

Gibt es da auch Verlierer?
Es gibt Befürchtungen, dass die Integration schwacher Schüler sich negativ auf die guten Schüler auswirken würde. Diese Bedenken sind bei richtiger Integration nicht berechtigt.

Muss der schulische Lehrplan aufgelockert oder gar aufgehoben werden, um eine moderne Ausbildung wahrnehmen zu können?
Er muss mehr an die Realität in der Berufswelt angepasst werden. Insbesondere in der Oberstufe. Anstatt Noten sollten die Kompetenzen eines Schülers exakt beschrieben werden (seine Lesefähigkeiten: welche Texte versteht er?). Den immer heterogeneren Voraussetzungen, die die Kinder mitbringen, kann nur durch Individualisierung des Unterrichts begegnet werden.

Gibt es etwas, das Sie der Schule und den Eltern ans Herz legen möchten?
Ja, dass die Eltern ihre Kinder so nehmen, wie sie nun einmal sind und sie nicht nach ihren Wunschvorstellungen und unrealistischen Erwartungen zurechtbiegen wollen. Ein glücklicher, kompetenter Gärtner ist besser als ein verunglückter, überforderter Hochschulabsolvent.

Interview: Ivar Kohler

Professor Remo Largo

Datum der Neuigkeit 25. Apr. 2008


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